Northeim (red). Am 28. Mai folgten rund 20 Interessierte der Einladung zu einem Vortrag mit dem Titel „Wie aus Nachbarinnen Opfer wurden“ in der Geschäftsstelle der Northeimer Grünen. Referentin war Ursula Gerecht, ehemalige Geschäftsführerin der Gedenkstätte Moringen.
Sie berichtete über die vielfältigen Gründe, die zwischen 1933 und 1937 zur Inhaftierung von etwa 1.350 Frauen im Frauen-Konzentrationslager Moringen führten. Viele der Frauen wurden auf unbestimmte Zeit festgehalten, häufig ohne Kontakt zu ihren Kindern oder zu ihren ebenfalls inhaftierten Ehemännern.
Anhand von erhaltenen Lagerakten stellte Ursula Gerecht exemplarisch verschiedene Schicksale vor. Bereits das Niederlegen von Blumen auf den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht konnte zur Verhaftung führen. Die jüngste Gefangene war bei ihrer Entlassung erst 17 Jahre alt.
Zu den Inhaftierten gehörte auch die spätere SPD-Politikerin Hannah Vogt aus Göttingen. Sie wurde 1933 als aktives Mitglied der KPD verhaftet und war die erste Frau, die im März 1933 in Moringen inhaftiert wurde. Im Rahmen einer Weihnachtsamnestie kam sie wieder frei.
Eine große Gruppe der Gefangenen bildeten Frauen, die dem Glauben der Zeugen Jehovas angehörten. Auch jüdische Frauen sowie Frauen, die Beziehungen zu jüdischen Männern hatten, wurden verfolgt und inhaftiert. Eine dieser Frauen brachte ihr Kind während der Haft in Moringen zur Welt.
Darüber hinaus spielte Denunziation eine wichtige Rolle. So wurde beispielsweise die Seniorchefin einer Porzellanfabrik von ihrem eigenen Sohn angezeigt, weil sie den Betrieb angeblich nicht nach nationalsozialistischen Grundsätzen führte.
Im Anschluss an den Vortrag konnten die Besucherinnen und Besucher Auszüge aus Lagerakten, Briefwechseln und Lebenserinnerungen der Betroffenen einsehen. Die vorgestellten Schicksale machten deutlich, wie schnell Menschen durch politische Verfolgung, Ausgrenzung und Denunziation zu Opfern des nationalsozialistischen Regimes werden konnten.
Foto: Nick Hartmann